Das Ackerrock Open Air in Steinkamp-Ahe 2021 ist ein kleines privates Festival, bei dem Besucher und Bands nur auf Einladung der Veranstalter hin teilnehmen können. Und genau so ist es auch. Familiär, freundschaftlich, ohne Kommerz, ohne Zwänge, mitten auf einem Acker. Leider auch in einer Gegend, die dem Kiesabbau zum Opfer fällt. Die Auflage 2021 ist, wie die letztjährige Erstauflage, ein Corona-Ausgleich für die der Pandemie zum Opfer gefallenen Großfestivals. Die Veranstalter sind sonst in Wacken oder beim Rockharz, doch dies ist ja bekanntermaßen nicht möglich. Um nicht auf das Festivalfeeling zu verzichten, wurde kurzerhand aus einer Bierlaune heraus ein eigenes Open Air auf die Beine gestellt.

In diesem Jahr ist das Festival gewachsen. 150 hätten kommen dürfen, 100 Besucher sind es letztendlich. Das Programm umfasst natürlich keine internationalen Kracher. Das kann niemand organisieren und schon gar nicht bezahlen. Der Eintritt von 33,33 Euro deckt die Kosten für das Stromaggregat und die Dixies, Anfahrtkosten und Verpflegung der Bands sowie die Genehmigungen. Dafür bekommt man aber auch ein Festivalbändchen. Aufkleber kann man vor Ort erwerben, Shirts müssen im Internet bestellt werden. Aufgrund der Corona-Auflagen ist 3G trotz Open Air Pflicht.

Die Bands sind lokaler Herkunft? In diesem Jahr nicht. Nach der Absage von Dying Dreams, denen der Sänger gekündigt hat, ist es ein niedersächsischer Freitag und ein rein Kieler Samstag. Es hätte ein Schleswig-Holstein-Abend werden sollen, aber der Gitarrist von Cascet Inc. war beruflich verhindert. Drummer Oliver Teschner leitete dann die Anfrage einfach zu seiner zweiten Band weiter und wer “Kochi” und die Kieler Thrasher von TYSON kennt, der weiß, dass diese Band keine Möglichkeit auslässt, vor Metalheads einen Abriss zu präsentieren. Nun sind sie also die Headliner des Festivals.

Den Opener des Festivals, die einheimische Band Schwarz Rot Gold, bekomme ich am Donnerstag nicht mit. Leider muss ich noch arbeiten und kann erst am Freitag anreisen.

Der Freitag ist eine Kopie vom letzten Jahr. Auf dem Programm stehen die Sleeping Dogs sowie Krachgarten. Beide Bands sind befreundet mit den veranstaltenden Familien.

Die Sleeping Dogs stehen als Trio auf der Bühne. Sie spielen eigene englischsprachige Rocksongs, aber auch Cover. Sie machen Stimmung, die insbesondere zum Ende hin immer weiter gesteigert wird. Das Ärzte-Cover “Junge” oder die Zugaben “I´m gonna be (500 miles)”, im Original von den Proclaimers, und “Gammeln auf dem Strand”, im Original von Torfrock, lassen hier jeden mitgrölen. Zum Ende kommt auch der Sänger und Gitarrist von Krachgarten auf den Anhänger und rockt mit.

Die Setlist der Sleeping Dogs:

1. Overlord, 2. Back In The USSR, 3. Junkie Hell, 4. You Should Talk, 5. Blue In Black, 6. House Of Doom, 7. Black Velvet, 8. Curtis Loew, 9. Life Of Riley, 10. Melissa, 11. Waiting For The Thunder, 12. Gods Problem Child, 13. Sleeping Dogs (ZW), 14. Ghost, 15. I Don´t Live Anywhere, 16. Can´t You See, 17. Sleeping Dogs (BS), 18. Sitting On The Dock, 19. The Regulator, 20. I Ain´t No Nice Guy, 21. One Horse Town, 22. Junge, 23. Fortunate Son, Zugaben: 24. Im Gonna Be (500 Miles), 25. Gammeln Auf dem Strand

Krachgarten spielen eigene Rockmusik mit deutschen Texten. Einheitlich in FCK AFD-Shirts haben sie eine klare Botschaft und rocken durch den Abend. Die Jungs sind hier ja alle bekannt und so ist die Megaparty ein voller Erfolg. Die Beleuchtung besteht nur aus vier losen aufgehängten LED-Strahlern. Meine Bilder sind demzufolge nichts für Ästheten. Um 22:00 Uhr hat nach Behördenauflagen die Musik allerdings zu verstummen. Offene Feuer sind verboten. Dafür gehen überall die Campingbeleuchtungen an. Die Party geht bei gemütlichen Gesprächen und gedämpfter Musik jetzt erst richtig los.

Die Setlist von Krachgarten:

1. Mach´s Mal Keinem Recht, 2. H.S.W., 3. Impftermin, 4. Bandmonster, 5. Lieber Nicht, 6. Wunschkonzert, 7. Der Kapitän, 8. All In, 9. Mach Das Licht Aus, 10. Keine Ahnung, 11. Theo, 12. Das Gesetz, 13. George Clooney, 14. Gauland, 15. Schöner Tag Im Mai, 16. I.S., Zugabe: 17. Plattenregal, 18. Alle Mit Dabei

Es ist Samstag: Die Damen und Herren der “Rennleitung” tauchen wiederholt auf dem Gelände auf. Kontrolle, dass die Boxen auch wirklich entgegen der Bühne aufgestellt sind. Lärmschutz für Vögel – das begreife wer will. Nach der Absage von Dying Dreams ist für die Kieler Amateurband The Lost Members Zeit genug für den Aufbau. Schon jetzt ziehen sie die Blicke auf sich. Bekannt sind sie hier natürlich nicht, selbst in Kiel sind Auftritte Mangelware. Zu Corona-Zeiten erst recht.

The Lost Members sind ein Hardrock Trio. Seit mehr als zehn Jahren spielen nun Henrik Hagner (Gesang, Gitarre), Christoph Cammas (Bass, Gesang) sowie Torsten Hüls (Schlagzeug, Gesang) zusammen. Ein Festival bespielen sie in ihrem Bandleben zum ersten Mal. Sie haben ein Programm zusammengestellt, das einen schönen Querschnitt ihres Schaffens darstellt. Zur Feier des Festivals wird eine neue technische Errungenschaft eingesetzt. Zwei Feuersäulen stehen vor der Bühne und diese werden mit ihrem Song “Pyromania” eingeweiht. Spätestens jetzt ist der letzte Gast vor der Bühne. Zweimal darf ich die Gaskartuschen während des Auftritts meiner spielenden Freunde austauschen, bevor ihr gefeierter Auftritt nach 100 Minuten beendet ist. Die CD der Truppe geht danach weg wie warme Semmeln. Während des Abbaus sind sie ständig am signieren. Gut, dass der Zeitplan genug Luft lässt.

Die Setlist der The Lost Members:

1. Intro, 2. Pyromania, 3. A Club Named Ben, 4. Heavens Gate, 5. Guardian Angel, 6. So Long Baby, 7. We Have Failed, 8. Not Yet 16, 9. Anyone But Me, 10. Rock You, 11. Just An Illusion, 12. Sorry Ma´m, 13. Where Are You, 14. Guilty, 15. Like A Prisoner, 16. About Loosing A Friend, 17. I Pay The Price, 18. Rest Of My Money, Zugabe: 19. Aal Satt, 20. The Hard Way

Obwohl Kiel musikalisch eigentlich nur ein Dorf ist, kennen sich die heutigen Kieler Bands untereinander nicht. Nach der Ankunft sind die Mannen von TYSON zuerst von der Location direkt an der Weser begeistert und später dann auch von den Kollegen der Lost Members. Ein neues Bandfoto entsteht noch schnell direkt an der Weser, bevor dann zum Aufbau gerufen wird. Die natürliche Helligkeit verschwindet und das Melodic Thrash Metal Trio beginnt. Trio? Ja, heute ist der zweite Gitarrist Torsten Ziemann aus beruflichen Gründen verhindert und somit nicht angereist. Merklich begeistert auch der Headliner des Abends sofort die Festivalgemeinde. Die Bühne ist in gespenstischem Blau, passend zu TYSONs Endzeitbanner, getaucht. Pierre Dapper mit seinem Gitarrenspiel lässt die Metalfreaks mit offenen Mündern staunen. André (Kochi) Koch geht zwischen den Songs immer wieder einmal gerne auf die Headbanger direkt vor der Bühne ein. Die Setlist umfasst die Songs der Unbreakable Tour 2021, die in lockerer Reihenfolge nach Zuruf gespielt werden. Die Titel sind ein Querschnitt der gesamten Bandgeschichte. Die Tour fand durch Corona nie statt, solche Events bringen die Jungs dennoch auf die Straße. Um ein paar brauchbare Aufnahmen hin zu bekommen, ist die Lichtanlage um einen Baustrahler erweitert worden. Der Merch-Stand ist umlagert. Das Konzert ist wie heute Nachmittag total begeisternd. Wer sagt, die Norddeutschen sind stur und können keinen Metal? Den Dreien fällt nach Abarbeitung der Setlist schon nichts mehr ein. Also werden Probenraum-Klassiker wie Iggy Pop oder Billy Idol als Zugaben gespielt. Die Menge johlt und kann nicht genug bekommen.

Geplante Setlist TYSON:

1. From The Ashes, 2. Death By Silence, 3. Counterparts, 4. Anyway, 5. Moshpit Alliance, 6. Bleeding Machine, 7. Sleep Of The Just, 8. To Cross The Line, 9. Egoblaster, 10. False Gods Of Dertiny, 11. Higher, 12. Wysiwyg, 13. No Class, 14. Breaking The Law, 15. Thin Ice, 16. Water In Your Hands, 17. The Storm, Zugabe: 18. The Passenger

Leider muss wieder einmal um 22:00 Uhr der Abend beendet sein. Es wird trotzdem weiter gefeiert, während die Kids sich um die Pfandflaschen kümmern. Niemand möchte Scherben oder Kronkorken auf dem Acker. TYSON baut ab und hat eine Menge Fans dazu gewonnen. Gegen Mitternacht geht es für sie wieder gen Heimat.

Fazit: Mehr als ein privates Festival geht nicht. Hier ist man unter Freunden, hier ist man gern gesehen. Ich hoffe auch 2022 wieder dabei sein zu dürfen. Aber wird es stattfinden? Welche Auflagen bekommen die Veranstalter? Bekommen wir Bands für einen Auftritt ohne Gage? Wird es professional? Will man Professionalität überhaupt? Der Charakter würde meines Erachtens verloren gehen. Die Familie würde nicht so zusammen halten und die Bands würden vermutlich weit mehr kosten. Ich plädiere dafür, das Konzept so beizubehalten. Support your local Heroes!

Berichterstattung / PhotoCredits: Norbert Czybulka