Sommerzeit ist Festivalzeit. Auch die Stadt Kiel startet mittlerweile mit dem Bootshafensommer in jedem Jahr ein kleines, aber feines Festival. Der Kieler Bootshafensommer 2021 findet vom 23. Juli bis 28. August jeweils freitags & samstags an sechs Wochenenden im Herzen der Kieler Innenstadt statt. Auf einer schwimmenden Bühne werden Künstler und Bands präsentiert, die aus Schleswig-Holstein und Hamburg kommen. Erfahrungsgemäß bewerben sich drei- bis viermal so viele Bands, wie Plätze vorhanden sind. Die Bandbreite umfasst alle Stilrichtungen. Von Poetry Slam bis Heavy Metal ist für jeden etwas dabei.

Es ist das vierte Festivalwochenende. Es ist trocken aber nordisch frisch, denn es weht eine steife Briese. Zum zweiten Mal besuche ich den Bootshafen, nach dem die Pinpricks und Das Beben am letzten Wochenende vorgelegt hatten. Heute stehen ganz andere Musikrichtungen auf dem Zettel, aber das ist beim Bootshafensommer ja auch gewollt. Jede Musikrichtung darf sich hier präsentieren.

Wir kommen gerade pünktlich zu Fin Dawson aus Hamburg. Die junge Band überzeugt mit treibenden Rhythmen, rauer, kraftvoller Stimme und dynamischen Gitarrenriffs. Frontmann Marcus Lifke (Gesang und Gitarre), Torben Schnepp (Gitarre), Martin Kunst (Bass) und Matthias „Matze“ Petersen (Drums) spielen seit Ende 2018 eine solide Mischung aus Acoustic, Rock und Indie-Folk. Ihre kurz nach der Gründung veröffentlichte EP „First Impact“ war ein gelungener Aufschlag. Mit weiteren Ausrufezeichen wie einschlägigen Bandcontest-Erfolgen, haben die Jungs seitdem fleißig nachgelegt. Kein Wunder, denn die Hanseaten bleiben vor allem wegen ihrer Einzigartigkeit in Stimme und Sound im Gedächtnis. Ihr Ruf, eine Liveband zu sein, eilt ihnen voraus und diesen Anspruch bestätigen sie auch heute. Sie feiern ihre selbst geschriebenen Songs zusammen mit dem Kieler Publikum. Nach Aussage von Markus war der heutige Auftritt bereits der fünfte in Kiel und wieder ein voller Erfolg. Besonders Matze ist erwähnenswert. Einen singenden, Akkordeon spielenden Schlagzeuger habe ich bisher noch nicht gesehen. Von dieser Band wird man sicher noch einiges in Zukunft zu hören bekommen.

Komplette Setlist von Fin Dawson:

1. Four on the Floor, 2. Jokers & Heroes, 3. Light, 4. IFFY, 5. Hangoversong, 6. Hanging In, 7. Back Home, 8. Circles, Zugabe: 9. Voice of the Fallen

Es füllt sich auf der Bühne. Die Schmidtkapelle Rauno kündigt sich an. Im Programm werden sie als Singer/Songwriter mit Folk angekündigt. Jakob Rauno und Niklas Schmidt spielen mit Musikern, von denen sie in den letzten Jahren immer oder eben immer mal wieder begleitet wurden, einen energiegeladenen Misch aus Blues und Folk und Rock. Zum Soundcheck spielen sie Marius Müller Westernhagen. Den letzten Gast im Publikum holen sie aber mit einer alten Udo Lindenberg Nummer ab. Heute ist wieder alles klar, auf der Andrea Doria. Die Entstehungsgeschichte der Truppe ist noch erwähnungswert: “Die Geschichte begann vor 3 Jahren im Treppenhaus. Umzug. Einer schleppt ein Klavier und mehrere Gitarren in die fünfte Etage seiner neuen Mietwohnung. Der Nachbar wird hellhörig. Mit rheinischer Schnauze spricht er ihn an. Knappe Antwort, eben norddeutsch: Jaja, Musik machen, geht klar, die Tage dann.” so die Band. Nun blicken sie auf 30 Konzerte zurück, haben aber noch immer keine Homepage oder Facebook-Kontakt…

Komplette Setlist von Schmidtkapelle Rauno:

1. Schattenflug, 2. Moe, 3. Peripherie, 4. Neonlichter, 5. An Guten Tagen, 6. Apnoe, 7. Andrea Doria, 8. Tanzbein, 9. Was Mir Fehlt

Im November 1991 beschlossen einige mutige Kieler: Wir machen Ska! Inzwischen gehören die Plastic Skanksters mit zu den ältesten, am Stück existierenden Ska-Bands in Deutschland. Pausen oder Splits gab es nicht. Die Bühne füllt sich mit neun Leuten und machen dann ordentlich Dampf. Spätestens jetzt wird klar, warum der Veranstalter immer wieder auf das Corona-Auflagen bestimmende Tanzverbot hinweist. Zu den überwiegend eigenen Werken gesellt sich auch ein Klassiker. “Buona sera” in einer Art, wie sie noch keiner vergleichbar gebracht hat. Ihre Art Ska hat eine leichte Affinität zu Punk aber auch ein Einschlag von Schlagern ist nicht von der Hand zu weisen. Die Band spielt ein Repertoire ihrer bisherigen vier CDs. Natürlich darf aber der Song der aktuellen, gerade erschienen EP “Alt, fett und nutzlos” nicht fehlen. Hatte die Band bisher noch kein Motto: Mit diesem Titel ist es geboren…

Komplette Setlist von Plastic Skanksters:

1. Ska Gangsta, 2. Never Fall In Love, 3. Licht an!, 4. Zuckerbaby, 5. Strandcafe, 6. Eso no es verdad, 7. Offbeat Army, 8. Running Right, 9. Unity, 10. Happy, 11. Beat Girl, 12. Madness, 13. Buona Sera, 14. Whouckah, 15. My Girlfriend, 16. Undercover, 17. Alt, fett und nutzlos, 18. My Music, Zugabe: 19. Seven Nation Army, 20. King Kong

Bisschen viel Kaffee gehabt – so ungefähr fühlt sich das an, wenn die Surfits loslegen. Der “nonestablished skapunkdeluxe” geht direkt vom Ohr ins Blut ins Bein, Widerstand zwecklos. Gegen den Sound der Tanzkapelle aus dem südholsteinischen Elmshorn ist seit 1998 kein Kraut gewachsen. “Jamaikanischer Ska, hawaiianischer Surf, Power Punk aus Kalifornien – wer in Norddeutschland hinterm Deich groß wird, sucht sich seine Sonne selbst”, so die Band auf ihrer Homepage. Zu Beginn erst einmal ein klares Statement gegen Nazis und AFD. Auf der Bühne gibt Sänger und Gitarrist Matthias den Ton an. Seine Stimme kann mit Whiskeyunterstützung alles zwischen böse und artig. Seine Mitstreiter sind Dirk mit einer brachialen Rhytmusgitarre, Christian “der Bass”, André am Schlagzeug. Dazu setzen Jan (Trompete), Ole (Posaune) und Annika (Alt Sax) die für den typischen Ska die Bläser Lines. “50:50”, also “fifty fifty”, heißt das aktuelle Werk von 2018 der Truppe und bestimmt die umfangreiche Setlist. Ihren mp3-Hit „I like it“ haben sie am heutigen Abend allerdings nicht dabei. Da für mich ein früher Termin am nächsten Tag anstand, verließ ich das Konzert nach gut einem Drittel der vorgesehenen 90 Minuten Spielzeit. Was dann kurze Zeit später jedoch passierte, fasst Matthias auf der Facebookseite öffentlich zusammen:

„Leider fand ein Ewiggestriger die Performance von “Bella Ciao” offensichtlich nicht so gut, er fand sie sogar so daneben und entgegen seines Weltbildes, dass er einen vollen Aschenbecher auf die Bühne warf. Dieser traf Annika mit voller Wucht, was letztendlich zu einem angebrochenen Finger, einem zerstörten Saxophon und dem Abbruch unseres Konzertes führte.“ Aber er wandte sich auch direkt an das Publikum: „Liebe Kieler, selbstverständlich wissen wir, dass dies nicht das Kiel repräsentiert, in dem wir seit 1998 gerne aufspielen. Eure Reaktion nach dem Abbruch, die herzlichen Worte von Euch und Eure Unterstützung sowie Anteilnahme haben uns das Kiel bestätigt, das wir bisher kennengelernt haben.Und zum Abschluss, Kiel, so laut wie ihr könnt (und es auch am Samstag die ganze Landeshauptstadt habt hören lassen): ALERTA, ALERTA!!! – Eure SURFITS“

Komplett geplante Setlist der Surfits:

  1. Ridden By Sharks, 2. Underground, 3. Pool Party Supreme, 4. Ska Attack, 5. May 1st, 6. Mindfuck, 7. We Stand As One, 8. Break Away, 9. Will You Be, 10. To You, 11. Skankin´Is Fun, 12. Fine City, 13. Solidarity, 14. Bella Ciao. – ABBRUCH (15. Hurry Up, 16. Separation, 17. Detox, 18. In The Summer, 19. 4:20, 20. Job, 21. Democracy 101, 22. Fisher Prize´s: My First Love Song Kit, 23. Ska Noir, 24. Cape Of San Lucas, 25. Fuck-You-I-Don´t-Care-Syndrome, Zugabe: 26. Unbelievable)

 

PhotoCredits / Berichterstattung: Norbert Czybulka